Probe 31.März.2016

 DIE GEWALTSPIRALE 

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Biopsychologie – John P.J. Pinel, Paul Pauli – PEARSON

13.7.6 Unabhängigkeit der sexuellen Orientierung von der sexuellen Identität

Zum Abschluss dieses Kapitels sollten Sie zwei der Hauptthemen dieses Kapitels nochmal überdenken

da diese besonders nützlich bei der Betrachtung eines der Rätsel der menschlichen Sexualität sind. Das eine der zwei Themen ist „die Ausnahme bestätigt die Regel“. Ein wichtiger Test für jede Theorie ist, wie gut sie in der Lage ist, Ausnahmefälle zu erklären. Das zweite Thema ist, dass eine dichotome Betrachtung der Sexualität (die „Mann-ist-Mann-und Frau-ist-Frau“ oder „mamawawa“-Annahme) grundlegende Schwächen hat.

Sie haben gelernt, dass Männer und Frauen in manchen Dingen ähnlich (Hyde, 2005) und anderen Dingen unterschiedlich (Cahill, 2006) sind, aber sie sind sicher nicht gegensätzlich und die Entwicklungsprogramme sind weder parallel noch entgegengesetzt.

Bitte betrachten Sie die rätselhaften Tatsachen, dass manchmal zwischen sexuellen Anziehungen, sexuellen Identitäten und körperlicher Erscheinungen einer Person kein Bezug beseht. Betrachten Sie z.B. Transsexuelle: Sie haben per Definition die körperlichen Merkmale des einen Geschlechts und die sexuelle Identität des anderen Geschlechts, die Richtung ihrer sexuellen Anziehung ist aber davon unabhängig. Manche Transsexuelle mit einem männlichen Körper fühlen sich sexuell zu Frauen hingezogen, anderen fühlen sich sexuell zu Männern hingezogen und wieder andere zu keinen von Beiden- und diese Präferenzen werden durch eine Geschlechtsumwandlung nicht verändert. (siehe Van Goozen et al., 2002). Außerdem ist es wichtig zu erkennen, dass ein bestimmtes geschlechtsbezogenes Merkmal eines Individuums in der Mitte zwischen den weiblichen und männlichen Normen liegen kann.

Die bloße Existenz von Homosexualität und Transsexualität ist ein offensichtliches Problem für die „mamawawa“-Annahme, nach der Männer und Frauen distinkten, einander entgegen gesetzten Kategorien angehören. Viele Menschen neigen zu der Auffassung, das Männlichkeit und Weiblichkeit die entgegengesetzten Enden eines Kontinuums darstellen, mit ein paar abnormalen Fällen irgendwo dazwischen. Vielleicht neigen Sie auch zu dieser Ansicht. Diese Auffassung, dass Weiblichkeit und Männlichkeit die engen gesetzten Enden derselben Skala sind, wird aber ernsthaft dadurch in Frage gestellt, dass körperliche Erscheinungen, sexuelle Orientierungen und sexuelle Identität oft voneinander unabhängig sind. Weiblichkeit und Männlichkeit von mehreren verschiedenen Merkmalen (z.B. körperliche Merkmale, sexuelle Orientierung und sexuelle Identität), von denen sich jedes relativ unabhängig entwickeln kann.

Dies ist für viele Menschen, einschließlich Wissenschaftlern, ein wirkliches Rätsel, aber was Sie in diesem Kapitel schon gelernt haben, ist der Vorschlag einer Lösung.

Erinnern Sie sich an den Abschnitt über Differenzierung des Gehirns. Bis vor kurzem ging man davon aus, dass die sexuelle Differenzierung des Gehirns in seine übliche weibliche und männliche Form über einen einzigen Testosteron-basierten Mechanismus erfolgt. Aufgrund neuerer Befunde hat sich jedoch eine andere Auffassung herauskristallisiert. Heute ist klar, dass sich die Gehirne von Männern und Frauen in vielerlei Hinsicht unterscheiden und dass sich diese Unterschiede zu verschiedenen Zeitpunkten und über verschiedenen Mechanismen entwickeln. Wenn Sie sich an dieses Entwicklungsprinzip erinnern, werden Sie ohne Schwierigkeiten verstehen, dass es für manche Individuen möglich ist, in einer Hinsicht weiblich und in anderen Hinsichten männlich zu sein und in einer dritten Hinsicht zwischen den beiden Normen zu liegen.

Diese Analyse veranschaulicht einen Punkt, der in diesem Buch schon mehrmals betont wurde. Das Studium der Biopsychologie ist oft mit wichtigen persönlichen und sozialen Implikationen verbunden: Die suche nach der neuralen Grundlage eines Verhaltens ermöglicht uns ein besseres Verständnis dieses Verhaltens.

Dieses Kapitel sollte dazu beigetragen haben, dass Sie die Unterschiede in der menschlichen Sexualität besser verstehen und auch besser akzeptieren können.

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